Neuer Tag, neues Glück. Und der Tag beginnt nun wirklich vielversprechend. Und wieder mal hat Irina ihre Finger im Spiel. Irgendwie hat sie irgendwo einen Helikopter mit gelangweilten, aber total coolen, weil übergroße Ray-Ban Sonnenbrillen tragende Piloten aufgetrieben, die uns am frühen Morgen in die Tundra fliegen sollen. Also, gleiches Prozedere wie am Vortag: warm anziehen, Kamera sichern und die Sturmhaube aufsetzen - die Tür bleibt wieder auf. Meinen Sicherungsgurt schaue ich mir nicht genau an - und das ist auch besser so. Das "Sicherungsseil" ist eine Kordel und der Karabiner würde nicht einmal einen Dackel am weglaufen hindern. Immerhin gibt es heute keinen Kerosintank im Transportraum. Wir fliegen in gerade einmal 50m Höhe über die Baum- und Menschenlose rot-gelb gefärbte Landschaft. Seen, in deren glatter Oberfläche sich der dunkelblaue Himmel spiegelt und geschwungene Hügel rasen unter uns vorbei und nach etwa einer halben Stunde entdecken wir eine Rentierherde im Nichts. Wie die Piloten die finden konnten, ist mir ein Rätsel. Egal: wir haben unser Ziel erreicht. Aber wie kann man das Nichts beschreiben? Vielleicht so: Horizont. Überall. Anatoli, der Hirte - ein 50jähriger Mann mit schmalen Augen im zerfurchtem Gesicht - zieht mit Frau und 5jährigem Enkelsohn der Herde hinterher. Nicht die Nomaden bestimmen hier den Rythmus, es sind die Tiere, die dem Futter folgen und den Takt angeben. In Sibirien gibt es keine wildlebenden Rentiere mehr, es sind kleine Familien wie die von Anatoli, die sich um die Herden kümmern. Er wird für uns die 300 Tiere zusammen treiben, die Dreharbeiten erweisen sich dank Anatolis Mitarbeit als wunderbar. In seinem kleinen Lager erwartet uns nicht nur seine kleine Familie, sondern auch eine echte Delikatesse: Bärenfleisch. Und weil man hier nicht einfach an die Kühltheke gehen kann, wird der erst vergangene Nacht erlegte Kamtschatka-Braunbär
in einem kleinen Bächlein gelagert. Die Rentierherde wurde von dem größten Landraubtier (nach dem Eisbären) angegriffen und hatte Glück, das Anatoli schnell zur Stelle war. Das Angebot, ein wenig Bärenfleisch zu probieren, lehnen wir nach genauerer Betrachtung des intensiv riechenden und von Fliegen bevölkerten Fleisches aber dankend ab - obwohl die Vorschriften zur Lagerung von Bärenfleisch bezüglich Kühlkette hier sicherlich eingehalten werden. Anatolis Augenbrauenzucken nehmen wir dabei gerne in Kauf... Auch, wenn der Mann vom Stamm der Ewenen sich manchmal mit Fliegenpilzen in den siebten Himmel beamt. Und dann ganz merkwürdige Dinge sieht. Wie zum Beispiel fliegende Rentiere. Genau. Hab ich auch gedacht. Aber die Legende erzählt tatsächlich von zugedröhnten Nomaden, die nach dem Genuss von Fliegenpilzen mal eben die Weihnachtsgeschichte erfunden haben. Bewusst oder unbewusst spielt hierbei wohl keine Rolle. Naja, von bewusst kann hier eigentlich keine Rede mehr sein. Jedenfalls haben sie fliegende Rentiere "gesehen". Und weil das Ganze im Winter passierte, wurde sofort der Rentierschlitten in die Weihnachtsgeschichte eingebaut. Thorsten kann dies alles nicht glauben und hat die gefragt, die es wissen müssen.
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