Freitag, 4. Dezember 2009

Der Doktor und das liebe Vieh


Natürlich klingelt auch in Ruanda der Wecker bereits um 04.30Uhr. Mittlerweile haben wir uns aber so an das frühe Aufstehen gewöhnt, dass selbst Iris morgendlicher - liebevoll gemeinter - Redeschwall nahezu spurlos an uns vorüberzieht. Wir pumpen uns mit entspannter Mine einen Espresso und denken an unser Tagesprogramm: Giraffenjagd. Nein, nicht zum Spaß und auch nicht für den Metzger. Ein junger Giraffenbulle ist erkrankt und muß für die Untersuchung betäubt werden - eine seltene Aktion. Selbst erfahrene Tierärzte gehen mit grösster Vorsicht vor, denn jedes dritte Tier stirbt während der Betäubung. So herrscht an diesem Vormittag spürbare Anspannung im gesamten Team, eine Menge Fragezeichen erwarten uns. Wir begleiten den Doc, der das Fahrzeug in Position bringen lässt und sein Druckluftgewehr vorbereitet. 100.000fach stärker als Heroin und das bei gerade einmal 80$ pro Schuss - da wird wird sicher auch Amy Winehouse nervös. Zunächst verläuft alles nach Plan, bereits der erste Schuss ist ein Volltreffer. Für einen Moment erwarten wir eine reibungslose Aktion, aber dann dreht der Giraffenbulle durch. Er ist vollkommen breit und galoppiert schwankend wie ein junges Rennpferd davon, bis er ausgerechnet in einem Dornenbuschfeld zusammenbricht.

Hektik bricht aus, denn jede Sekunde zählt: der Bulle schwebt in Lebensgefahr. Sein Blutdruck übersteigt den unsrigen um das 3,5fache und der Kopf muss so schnell wie möglich auf Höhe gebracht werden, sonst droht ein Schlaganfall. Die Dornenbüsche machen die Arbeit fast unmöglich und die Anweisungen des Docs werden zunehmend lauter, denn für Blutabnahme und Untersuchung bleiben gerade einmal zehn Minuten. Ich tanze schwitzend und schwer atmend mit der Steadicam durch das Geschehen, mit Adrenalin bis in die Haarspitzen - die ausgeprägte Fotografierlust der örtlichen Mitarbeiter hatten wir nicht auf der Rechnung. Iris agiert als Räumkommando und geht auf die Paparazzi los, wie der Pinkelprinz in seinen besten Tagen. Und dann geht alles ganz schnell: der Bulle richtet sich sichtbar benommen auf und alle rennen wie die Hasen - ein Kick des Paarhufers kann schließlich tödlich sein. Erst als sich das Tier in gebührendem Abstand befindet, atmen wir alle erleichtert durch: das war sportliche Höchstleistung in Reinkultur und die letzten Bundesjugendspiele sind schließlich schon eine ganze Weile her.

Position:Ruanda

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