Samstag, 11. Dezember 2010

Glückspilz

Um es ganz deutlich zu sagen: ich liebe meinen Beruf. Ohne wenn und aber. Ganz bestimmt. Fremde Länder und Kulturen, die kulinarische Horizontalerweiterung, viel Sonne - und nicht zu vergessen: die intensive Zusammenarbeit im Team. Kurz und gut: Daumen hoch. Und doch gibt es sie, diese Tage, an denen sich leise Zweifel in meinem Kopf zu Wort melden. Sie dringen aus der Ferne an mein Ohr, bahnen sich flüsternd ihren Weg in jede Faser meines Körpers, lassen mich nicht mehr los. An solchen Tagen wird Zeit relativ - fünf Stunden fühlen sich an wie acht. Heute ist so ein Tag. Und da ist sie auch schon, die alles umfassende, schmerzhafte Frage: warum? Warum in aller Welt ziehen wir uns die Schuhe aus und gehen barfuß in einen Rattentempel? Eisige Kälte breitet sich unter den Fußsohlen aus - der Boden ist übersät mit Taubendreck und Rattenkot. Geschätzte 20.000 Ratten  
hinterlassen halt eine Menge Mist. Heiligen Mist. Heiligen, stinkenden Mist. Lautes Glockengeläut durchdringt die Morgenstille, immer mehr Pilger strömen in den Tempel, werfen sich betend mit dem Gesicht voran auf den verdreckten Boden. Ratten gelten als heilig, die verstorbenen Seelen der Gläubigen werden angeblich in ihnen wiedergeboren. Die
Tiere werden gefüttert, Mensch und Ratte essen und trinken aus denselben Schalen. Der Priester schwört auf die gemeinsamen täglichen Mahlzeiten und macht tatsächlich einen recht munteren Eindruck. Was man von uns nicht behaupten kann.
Ein Blick in die Runde verrät den geringen Wohlfühlfaktor und den Wunsch nach zügigen Dreharbeiten, was uns im Aussenbereich auch gut gelingt.  Die Gläubigen lassen sich von uns nicht stören, in aller Ruhe gewährt man uns einen kurzen Blick in das Allerheiligste. Es

ist noch früh am Morgen und erst wenn es wärmer wird kommen alle Ratten aus ihren Löchern gekrochen. Ehrlich gesagt, mir reicht es jetzt schon - die tief in mir verwurzelte Abneigung paart sich mit Ekel, als mir die ersten Ratten über die Füsse laufen. Mein Körper zuckt und wir versuchen uns mit schlechten Witzen abzulenken. Dabei soll die Berührung einer Ratte Glück bringen - aber wie, Bitteschön, lautet wohl die Definition von Glück? Die Ratten sind überall und die Aufnahmen im Inneren des Tempels werden für alle Beteiligten zu einer Geduldsprobe. Bloß nicht drauftreten. Und länger als nötig will eh keiner bleiben. Unsere Füsse - und nicht nur die - schreien nach Erlösung. Im folgenden gibt es ein kurzes 
Video - sozusagen "Behind the scenes", aus meinem Blickwinkel aufgenommen. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Wahnsinn. Als wir endlich fertig sind, lassen wir die Korken knallen. Mehrere Flaschen Desinfektionsmittel sind fällig. In heimeliger Atmosphäre am Strassenrand - natürlich immer schön unter den verständnislosen Blicken zahlreicher Zaungäste - wird geschrubbt, was das Zeug hält. Bei Gelegenheit werde ich übrigens Thorsten mal nach seiner Definition von Glück fragen. Er hat nämlich die heiligste aller heiligen Ratten gesehen - die dicke Weiße. Geküsst vom ewigen Glück - was für ein 
Glückspilz. Es folgen knappe sieben Stunden im Bandbus, eine abenteuerliche Fahrt durch die Nacht. Die Heizung ist kaputt, der Körper juckt und der Blick aus der Frontscheibe erinnert an ein 3D-Kinoerlebnis - und das ohne Brille. Immer wieder brüllt die Hupe warnend
in die Dunkelheit, sie klingt wie eine Horde Elefanten im Stimmbruch. Aus zwei Spuren werden vier und mehr als einmal schlingern wir quer über die Fahrbahn. Regeln sind nicht erkennbar, der Wahnsinn regiert die Straße und lässt den Adrenalinspiegel einfach nicht zur Ruhe kommen. Und schon taucht sie aus dem Dunkeln wieder auf, diese eine quälende Frage. Schleicht sich langsam in meine Gedanken, kriecht tief in mich hinein, lässt mich nachdenklich zurück. Warum? Ich blicke mich um und sehe in müde, aber zufriedene Gesichter. Genau deshalb: weil der Wahnsinn unbeschreiblich faszinierend ist. Und weil mit Gustav Thorsten Gans an Bord sowieso nichts schiefgehen kann.

2 Kommentare:

  1. Mal wieder eine unglaublich gut erzählte Geschichte aus Deinem aufregendem "Dreh"-Leben. Ist schon bemerkenswert, mit was ihr allem zurecht kommen müsst! Hut ab! Und wieder um eine Erfahrung reicher. Dies ist auch ein Grund, warum Du ein Glückspilz bist. Ob Du es willst oder nicht, Du musst da durch - und das scheinst Du wirklich gut zu machen. LG aus DE- W.

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  2. Danke Dir für die lieben Worte - ich freue mich, dass die Geschichten gefallen. Und die Erfahrungen werden schön gebunkert... Oli

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