Donnerstag, 5. April 2012

Entschleunigung im Nichts

Ankunft in Uyuni, einem kleinen Wüstenkaff am Rande des grössten Salzsees der Erde. Das einzig funktionierende an diesem Flughafen ist die Landebahn, der Rest ist halb verfallen. Wir laden unsere Ausrüstung in zwei Geländewagen - die kommenden Tage werden wir die bolivianischen Landstrassen kennenlernen. Ich sitze neben Lucio, er macht einen entspannten Eindruck - wir haben die Ausrüstung an Bord und tuckern hinter dem Teamwagen her. Als er sich allerdings beim Verlassen des Flughafengeländes dreimal bekreuzigt, entscheide ich mich für den Sicherheitsgurt. Der Tacho ist kaputt, komische Klänge dringen aus
den tiefsten Tiefen des Wagens, von den Stoßdämpfern ganz zu schweigen. Glücklicherweise ist der erste Drehort nicht weit. Der größte Salzsee unseres Planeten beginnt nur wenige Kilometer entfernt. Der Weg dorthin ist staubig, aber unspektakulär. Angesichts der kommenden Tage richtet man sich halt ein wenig häuslich ein. Die Szenerie
ist unwirklich. Ein leichter Wind, ohne Sonnenbrille hat das Auge keine Chance - die Helligkeit der Umgebung ist unbeschreiblich. Und diese Ruhe. Ein einsames Plätzchen zu finden ist nicht schwierig, schnell fangen wir mit dem Aufbau an. 
Der Salzsee ist nicht nur der größte der Welt, er ist auch der höchstgelegene. Dimensionen verschieben sich, exakte Ortsangaben sind unmöglich und Größenangaben werden zu 
reinen Spekulationen. Gesundheitlich sind alle wieder auf dem Damm, wir sind mittlerweile gut akklimatisiert und doch führt der Einsatz der Steadicam zu Kurzatmigkeit. Die Stimmung im Team ist wunderbar, wir staunen angesichts der surrealen Umgebung und genießen die 
Dreharbeiten. Leider haben wir nicht viel Zeit, unser Zeitplan ist eng gestrickt. Und während wir die Technik notdürftig vom Salz befreien, zaubert Maria mit ganz wenig Möglichkeiten 
ein schmackhaftes Mittagessen. Wichtig: der Kittel darf nicht fehlen. Gebratene Bananen, Kartoffeln, Lama. Und als Nachtisch gibt es tatsächlich Birnen. Die Versorgungslage ist also nicht die schlechteste, der Ausblick beim Essen gar sensationell.
Bibi, unsere Aufnahmeleiterin, drückt ein wenig auf das Tempo. Knappe sechs Stunden Fahrt im Schneckentempo durch das bolivianische Hochland liegen vor uns, nächtliche Fahrten sind aus Sicherheitsgründen nicht erwünscht. Wir machen uns also schnell auf den Weg und rumpeln die ersten Stunden über holprige Pisten, schön im Schneckentempo. Wir 
sind immer noch knapp auf 4.000m, die Passstrassen winden sich die Berge rauf und runter. Immer wieder müssen wir laut hupend an Lamaherden bremsen, Wildwechsel einmal anders. Und selbst auf den asphaltierten Abschnitten gilt Vorsicht.
Lucio und ich haben unsere Kommunikation bereits vor einer ganzen Weile nahezu vollständig eingestellt. Mein Spanisch und sein Englisch wollen einfach nicht gut passen. In stoischer Ruhe lenkt er den Wagen durch die teils ärmlich karge Landschaft. Und jetzt erwischt es mich zum Ende der Reise doch noch: als seine mit gefütterten Lederhandschuhen bekleideten Hände am Radio rumspielen gibt es kein Entkommen mehr. Aus schäbigen Boxen dröhnt die Panflöte, Lucio pfeift fröhlich melancholisch mit und ich ergebe mich in mein Schicksal. Team Südamerika meldet sich ab.


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