Samstag, 6. November 2010

Höhenflug

Der kleine Flugplatz in der Nähe des See Genezareth ist wahrlich nichts besonderes. Autos kreuzen in aller Ruhe die einzige Startbahn, der Tower besteht aus einem kleinen Baugerüst mit gelangweiltem Studenten und aufgeklapptem Sonnenschirm - eine Kaffeebude sucht man vergeblich. Dafür gibt es jede Menge Segelflugzeuge - und deshalb sind wir hier. Es ist zwar noch früh am Morgen, aber es herrscht bereits allseits rege Betriebsamkeit. Auch die beiden Piloten Tali & Nani basteln schon fleißig. Sie bereiten ihre Motorsegler für unsere Dreharbeiten vor, während wir mit großer Akribie die Kameraausrüstung präparieren. Wir wollen mit zwei Flugzeugen fliegen - Dirk in dem einem und ich in dem anderen. Was so einfach klingt, ist allerdings nicht ohne. Drei Kameras müssen eingerichtet werden und die Tonaufzeichnung in einem Flieger ist kompliziert. Hinzu kommt der hohe Kuschelfaktor im Cockpit: die große Kamera stört die Zweisamkeit nachhaltig - eng nebeneinander sitzend ist die grazile Akrobatik eines Schlangenmannes gefordert. Aber bevor es soweit ist, weist mich Nani nachdrücklich auf die kleinen blauen Papierbeutel hin - man weiß ja nie, wie sich der Magen so verhält. Ich murmel was von Flugerfahrung und gutem Wetter, versuche lässig zu wirken, aber irgendwie komme ich wohl nicht so überzeugend rüber. Das liegt vermutlich aber auch daran, das wir in etwa 1200m Höhe das Schiebedach aufmachen wollen, um freie Sicht auf Dirks Flieger zu haben. Ein ziemlich komisches Gefühl, wenn man auf einmal im Freien sitzt und bei 120km/h den Kopf aus dem Fenster hält.
Mein Arbeitsgerät macht sich ganz schön breit und ich versuche, mich ein wenig aufzufalten, während der an der Kamera montierte Kreiselstabilisator die schlimmsten Vibrationen verhindert. Thermik ist unser Thema, immer wieder sinken und steigen wir mit Tempo - der pfeifende Alarmton brennt sich in mein Ohrengedächtnis und die roten Warnlampen tanzen Tango. Kurz, ganz kurz denke ich über die kleinen blauen Papierbeutel nach. Und Nani? Nani lächelt. Der Mann ist voll in seinem Element, geniesst jeden Augenblick. Doch dann gerät der Rückflug völlig aus den Fugen: Nani deutet erklärend auf den Steuerknüppel und Pedale, nimmt kurzerhand die Hände weg und ruft strahlend: "your plane". Na toll. Vorsichtig bewege ich den Steuerknüppel, sofort reagiert der Segler und macht ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich will. Noch einmal. Und schon dreht die Maschine heftig ein - das macht Spaß! Langsam gewöhne ich mich an die Bewegung, am liebsten würde ich den ganzen Tage weiter fliegen. Nanis Gesicht zeigt unbändige Freude - und die blauen Papiertüten werden wohl noch warten müssen.


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