Samstag, 20. November 2010

Gegenwind

Entweder man kann Straßen bauen oder man kann es nicht. Leider hält sich die türkische Begabung diesbezüglich spürbar in Grenzen und daher kommt mir die heutige Erweiterung unseres Dienstfahrzeugportfolios sehr entgegen: eine Ballonfahrt über Kappadokiens spektakuläre Felsformationen und Höhlenkirchen steht an. Es ist gerade einmal kurz nach sechs, als die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkuppen klettern und wir den Boden unter den Füssen verlieren. Stille. Einsamkeit. Sich einfach mal treiben lassen. Landschaft pur,
verpackt in visuellem Verwöhnaroma. Unsere Erwartungshaltung ist groß, denn die Ur-Christen haben hier große Wohnhöhlen errichtet, Kirchen in Höhlen geschlagen und riesige
unterirdische Städte angelegt, in denen jeweils etwa 10.000 Menschen gelebt haben – bis zu 10 Stockwerke tief unter der Erde. Die pazifistischen und zutiefst gläubigen Bewohner zogen sich bei römischen Angriffen hierher zurück, wurden regelrecht unsichtbar. Aus der Luft betrachtet erinnern die Bauwerke ein wenig an Schlumpfhausen – wenn wir doch nur näher ran könnten. Viel näher. So wie die anderen halt. 49 Ballone hängen nämlich wie festgenagelt über dem Drehort. 
Lediglich Nummer 50 entfernt sich langsam, aber stetig und unaufhaltsam. An Bord: ein Team des Zweiten Deutschen Fernsehens. Hilflos dem Wind  ausgesetzt, müssen wir mit 
ansehen, wie die 488 Passagiere der Konkurrenz-Ballone ihre Kameras zücken, um uns auf Erinnerungsfotos zu verewigen. Ihr Lachen klingelt in den Ohren, brennt sich tief in unsere geschundenen Seelen. Und spornt unseren Piloten an. Wir sinken, wir steigen; Francesco sucht in den verschiedenen Luftschichten händeringend nach dem richtigen Wind, um den Ballon näher an das Ziel zu bugsieren. Für einen Moment haben wir Hoffnung und es gelingt tatsächlich eine kurze Annäherung an die Glückseligkeit, gefolgt von einem erleichterten Team-Durchatmen...
Den Rest des Tages verbringen wir an und in den Wohnhöhlen, stolpern gebückt durch die schmalen Gänge, beeindruckt von den überragenden Heimwerkerqualitäten der Erstbewohner. Wenn ich mir dagegen meine zwei linken Hände anschaue...

1 Kommentar:

  1. Cooles Wohnen sozusagen! Eine Ballonfahrt würde ich auch noch mal gerne in meinem Leben machen, bevor man zu alt und ängstlich wird! ... LG W.

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