Der Wecker klingelt heute mal wieder zu einer völlig unchristlichen Zeit. Um 04.30Uhr quäle ich mich mit schweren Beinen und kleinen Augen aus dem Bett. Der Blick in den Spiegel erübrigt sich und zu meinem Leidwesen scheitert selbst das koffeinhaltige Heissgetränk aus der mobilen Espressomaschine an meinem schlafbedürftigen Körper. Die nahezu sprachlose Fahrt durch das dämmrige Jerusalem stimmt uns langsam auf unsere Mission ein; denn ein Großkampftag erwartet uns: wir gegen den Rest der Welt. Quasi. Der Rest der Welt nämlich hat sich hier in der heiligen Stadt versammelt um mit Tennissocken, Sandalen und einer Kappe mit dem Logo der Glaubensrichtung lautstark singend und klatschend durch die antiken Gemäuer zu stolpern. Der ästhetisch zweifelhafte Auftritt legt den Verkehr völlig lahm und lässt kaum einen Zentimeter der Altstadt Jerusalems unberührt.
Mit stoischer Ruhe lassen die geschäftstüchtigen Bewohner die alltäglichen Invasionen über sich ergehen. Und wir? Wir bauen unsere Kamera bereits um 06.00Uhr auf dem Ölberg auf - es ist die einzige Chance, stimmungsvolle Bilder ohne Pilgertourismus einzufangen. Die folgenden drei Stunden sind wunderbar, denn die Atmosphäre zieht uns unweigerlich in ihren Bann: Al-Aqsa Moschee, Klagemauer und Grabeskirche - die Heiligtümer der Weltreligionen sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt und schaffen eine grosse Intensität. Und Spannung. denn immer wieder kommt es hier zu massiven Auseinandersetzungen - glücklicherweise sind unsere heutigen Dreharbeiten davon nicht betroffen. Am Fusse der Grabeskirche begegnen wir dann einer interessanten Geschäftsidee. Frei nach dem Motto "Jeder nur ein Kreuz" können die Gläubigen mit einem Holzkreuz den Leidensweg Jesus ablaufen. Und wenn man durch die Stadt läuft, hat man den Eindruck, dass es einfach nicht genug Kreuze gibt - überall trifft man auf Event-Pilger, die sich alle paar Meter mit dem Kreuz abwechseln.
So intensiv die Atmosphäre, so kompliziert allerdings die Bestimmungen. Für einige der ausgewählten Drehorte benötigen wir bis zu 17 Drehgenehmigungen der Anrainerkirchen und auch die Fortbewegung mit zwei Gepäckkarren erfordert Geduld in diesem Trubel. Für den Blick auf die Klagemauer verlangt der entsprechende Terrassenbesitzer normalerweise 25.000$ - Rooe, unser Aufnahmeleiter, handelt ihn mit grosser Leidenschaft auf Null herunter. Sein rhetorisches Geschick in diesem schwierigen Gefüge ist
tatsächlich Gold wert. Aber auch die Dreharbeiten am Felsendom unterliegen strengen Sicherheitsbestimmungen. Politisch-religiöse Machtspiele ermöglichen uns schließlich knappe zwei Stunden Drehzeit. Als sich die Höfe um den Dom endlich für das bevorstehende Gebet leeren, entfaltet sich der Zauber des Heiligtums. Für einen kurzen Moment herrscht Stille; Lärm und Hektik der Stadt treten widerstrebend den Gang in die Bedeutungslosigkeit an - unbezahlbar.




Am 26.12.2003 war ich an gleicher Stelle- nicht ganz, denn der Zugang ins Areal des Felsendoms blieb mir und der französischen Masken-Kollegin damals verwert...an einem der wenigen drehfreien Tage- eine Stadt, die in all ihren Facetten und krassen Eindrücken bleibend in Erinnerung geblieben ist...
AntwortenLöschenLieben Gruß, die Frau Professor
(die gerade etwas melancholisch auf die Set-Zeit zurückblickt und vorhin eine Anfrage für Jerusalem abgesagt hat...)