Samstag, 25. September 2010

Sitzfleisch

Die Regenzeit hat Mexiko fest im Griff, jeden Nachmittag verdunkelt sich für einige Stunden der Himmel und schon bald prasseln sintflutartige Regenfälle lautstark gegen die abgedunkelten Scheiben unseres Bluesmobils. Wir schaukeln über überschwemmte Straßen, die Stoßdämpfer haben ihre Arbeit offensichtlich schon vor  längerem eingestellt: sie malträtieren rücksichtslos unsere Bandscheiben. Die Scheibenwischer ächzen unter dem geforderten Dauersprint über die Windschutzscheibe und das Radio kränkt unsere Ohren mit klagenden mexikanischen Trompeten. Also, Kopfhörer auf und ab ins Land der Träume. Denn trotz der riesigen Schlaglöcher und Bodenwellen ist es in der Horizontalen einigermaßen auszuhalten. Lange Fahrten gehören mittlerweile zum Alltag - sie sind auf dem besten Weg, Teil der Jobbeschreibung zu werden. Dazu gehört übrigens auch der Stahlmagen. Thorstens Abendessen stinkt so widerwärtig, dass es unseren Atem stocken lässt und während wir versuchen dem bestialischen Geruch mit erlesenem Humor zu begegnen, stellt er sich mutig dieser kulinarischen Herausforderung. Und sieht ein, das Kapitulation keine Schwäche sein muss. Das man sich ihr stellen sollte, ohne Angst. Aufrecht und mit breiter Brust. Die mir aber leider überhaupt nichts nutzt, als ich am nächsten Morgen unbeholfen auf meinem Pferd Platz nehme. Auch das erwähnte und über die Jahre erarbeitete Sitzfleisch hilft hier nicht weiter: wir reiten auf den Vulkan Paricutin und ich begreife schnell, das der unter mir agierende Einhufer eine völlig andere Auffassung von partnerschaftlicher Fortbewegung hat als ich - nach nicht einmal zehn Minuten geht er das erste Mal durch. Es soll nicht das letzte Mal bleiben. Immer wieder demonstriert er seine Macht.
Try and...
Um dann gar nicht mehr zu gehen. Mein aufmunterndes Gebrabbel klatscht ungehört in den staubigen Ascheboden, schon lange liege ich weit abgeschlagen am Ende unserer kleinen Reitgruppe und denke fast schon sehnsüchtig an das letzte Lebenszeichen "meines" Pferdes. Dem geneigten Leser will ich  hier weitere Details über meine Knie-, Hüft- und Pobeschwerden ersparen - die verstehen sich von selbst.
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Steif steige ich ab und ziehe den Sturkopf hinter mir her. Einziger Trost: Dirk erklärt sich solidarisch. Allerdings nicht ganz freiwillig, denn sein gesattelter Freund gehört auch nicht zu den bewegungsfreudigsten. Also geht es zu Fuß weiter. Und das deutlich schneller als vorher. Es dauert nicht lange, bis wir einen wunderbaren Blick auf den Vulkankegel haben. Die Lastpferde werden abgesattelt und wir fangen an zu drehen. Trotz der dicken Regenwolken hält das Wetter ausnahmsweise und so können wir uns bald wieder an den
Abstieg machen. Ross und Reiter ignorieren sich weiterhin konsequent, ein zweiter Drehort steht auf dem Programm und auf dem Pferderücken käme ich wahrscheinlich nie an. Der Vulkan Paricutin entstand 1943 auf dem Feld eines Bauern - völlig unspektakulär mit einem lauten "Plopp". Neun Jahre Aktivität vernichtete einige Dörfer, es gab jedoch keine menschlichen Opfer zu beklagen. Lediglich vor dem Altar einer Kirche machte der Lavastrom halt und heute sind die Überreste einer Kirche mitten im Lavafeld zu bestaunen. Eine ziemlich abgefahrene Location, jede Minute des heutigen Tages hat sich  gelohnt.
Und morgen? Morgen ist wieder alles wie gehabt. Anreise nach La Paz, auf die Baja California. 17 Stunden Sitzfleisch. Puh.

1 Kommentar:

  1. Der Entschluss, seinen Lebensunterhalt (so nennt man das ja wohl) mit dem Bedienen einer Kamera, in den unterschiedlichsten Kontinenten dieses blauen Planeten, zu ver-Dienen, verspricht ein Leben in völliger Abwesenheit von Langeweile und Eintönigkeit verbringen zu können, was sowohl Segen, als auch Fluch im Wechsel bedeutet, um sich beim Letzteren in dem Schrei nach den eigenen (oder auch fremden) Exkrementen, auszudrücken pflegt (…...)
    Schöne, ausdrucksstarke Bilder übrigens, die beim Betrachter,
    (im trockenen Gehäuse) ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, neidlos entstehen lassen.
    Als dann auf zu neuen Zielen.........
    Ehrfurchtsvollen Gruß
    H.M.Syré

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